EHRENMEDAILLE
Ein Film von Peter Călin Netzer - Kinostart 03. Mai 2012
Rumänien hat in
den letzten Jahren viele talentierte Regisseure hervorgebracht. Peter
Călin Netzer ist einer von ihnen. Sein zweiter langer Spielfilm Ehrenmedaille / Medalia de onoare ist ein kleines Juwel.
Mit liebevoll ironischem Blick erzählt Netzer von einem
Überlebenskünstler der melancholischen Art. Herr Ion (Victor Rebengiuc)
hat es nicht leicht in seiner unterkühlten Bukarester Stadtwohnung.
Seine Frau redet seit sieben Jahren kein Wort mit ihm. Der nach Kanada
ausgewanderte Sohn legt sofort auf, wenn er wider Erwarten den Vater
statt der Mutter an der Strippe hat. Aber eines Tages naht Rettung für
den verachteten und gemiedenen alten Mann. Die Regierung möchte ihm eine
Medaille für heroische Verdienste im 50 Jahre zurückliegenden Zweiten
Weltkrieg verleihen. Plötzlich ist Ion ein angesehener und gefragter
Mann, nicht nur bei den Nachbarn. Auch die familiäre Eiszeit scheint
sich dem Ende zuzuneigen. Das Problem ist nur: Herr Ion kann sich nicht
erinnern, jemals eine Heldentat vollbracht zu haben.
Es sind Szenen voller Bildwitz, in denen die kleinen Absurditäten eines
verkrusteten Staats- und Familienlebens aufs Korn genommen werden.
Herrlich, wie der 75-Jährige Ion immer wieder von der knöchernen jungen
Dame in der Regierungsbehörde abgefertigt wird – in einem Gebäude und
einer Atmosphäre, wie sie Kafka nicht besser schildern könnte. Und
ebenso köstlich, wie sich das alte Ehepaar schweigend die Bettdecke
teilen muss.
Es ist dieser sehr spezielle, ebenso ironische wie warmherzige Humor,
der Netzers eigene Handschrift innerhalb der so genannten "neuen
rumänischen Welle" auszeichnet. Sein teilnahmsvoller Blick ist voll von
Nachsicht für menschliche Schwächen. Und eine ironisch gebrochene
Verehrung für all die kleinen Leute, die es geschafft haben, nicht nur
das Ceaucescu-Regime zu überstehen, sondern sich auch in den schwierigen
neuen Verhältnissen mit leidlichem Anstand durchzuwurschteln.
Netzer verschränkt auf anspielungsreiche Weise eine ganze Reihe von
Themen: Bürokratie und Familie, Selbstfindung und Geschichtsbewältigung.
Er verbindet die universelle Frage, wozu Helden gut sind, mit dem
präzisen Blick auf die rumänischen Verhältnisse. Dabei gerät ihm die
Sparsamkeit der filmischen Mittel niemals zum Selbstzweck. Indem er
seine Pointen in Ruhe vorbereitet, lässt er sie umso heller leuchten.
Victor Rebengiuc ist nicht von ungefähr die ideale Besetzung für diesen
ebenso schuldbeladenen wie gutherzigen alten Mann. Drehbuchautor Tudor
Voican hatte schon beim Schreiben an den erfahrenen Schauspieler
gedacht, der seit 50 Jahren zu den Lieblingen des rumänischen Kino- und
Theaterpublikums zählt. Ob die Filmfigur die Ehrenmedaille letztlich zu
Recht bekommen hat, sollte man besser nicht verraten. Kein Geheimnis ist
hingegen, dass nicht nur der Film, sondern auch der Hauptdarsteller
mehrere Preise und lobende Erwähnungen bei Festivals bekommen hat.
Zuletzt beim goEast-Festival in Wiesbaden, wo Victor Rebengiuc für seine
"herausragende Leistung" gelobt wurde. Gottseidank lässt sich Ehre
nicht nur im Zweiten Weltkrieg erwerben.
(Peter Gutting)
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